Bedeutet Genogrammarbeit nicht, die Schuld für die eigenen Probleme den Eltern und Großeltern zu geben? Das wurde ich neulich in einer Runde gefragt. Und angesichts übertragener Muster, aus denen sich Menschen nicht befreien können, jedenfalls erst mal nicht ohne weiteres, liegt die Idee ja nahe. Ich könnte erklären, dass ich ein bestimmtes Muster eben geerbt habe – so wie meine Augenfarbe. Da kann man halt nichts machen.

Doch halt – so einfach ist es nicht.

Und deshalb geht es in der Genogrammarbeit nicht um die Schuldfrage. Sondern um Klarheit, Verständnis, Transformation und Wachstum.

Der Spiegel der Vergangenheit: Deine Familiengeschichte prägt dich

Stell dir vor, du hältst einen Spiegel in den Händen, der nicht nur dein äußeres Erscheinungsbild widerspiegelt, sondern auch die verborgenen Spuren deiner familiären Vergangenheit.

Ein Genogramm zeigt dir, wie familiäre Muster, Dynamiken und Erfahrungen dein Leben beeinflussen – oft auf eine Art und Weise, die uns nicht bewusst ist.

Es zeigt Prägungen, tief verwurzelte Muster, die Menschen von ihren Eltern und vorherigen Generationen geerbt haben. Dazu gehören nicht nur genetische Veranlagungen, sondern auch Charaktereigenschaften und Verhaltensweisen, Überzeugungen und emotionale Reaktionen.

Hier sind einige Beispiele für dich:

Wiederkehrende Themen: Gibt es in deiner Familie bestimmte Themen, die immer wieder auftauchen? Vielleicht finanzielle Schwierigkeiten, Stress, Suchtprobleme oder bestimmte Krankheiten?

Beziehungsmuster: Wie gestalten sich die Beziehungen in deiner Familie? Gibt es wiederkehrende Konflikte, Trennungen oder besonders enge Bindungen? Wo verbergen sich unbewusste Treueverträge?

Ungelöste Traumata: Hat es in deiner Familie traumatische Ereignisse gegeben, wie Kriegserlebnisse, Verlust von nahestehenden Menschen oder Missbrauch? Solche Erfahrungen können über Generationen hinweg nachwirken. (Achtung, gerade bei ungelösten Traumata, solltest du nicht im Selbstversuch in die Arbeit mit dem Genogramm starten, sondern professionelle therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen!)

Indem du dein Genogramm untersuchst, kannst du diesen Prägungen auf den Grund gehen. Du entdeckst, an welcher Stelle sie sich in deinem eigenen Leben manifestieren.

Nehmen wir mal an, in deiner Familie gab es über mehrere Generationen hinweg Menschen, die unter Depressionen litten. Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass auch du daran erkranken wirst. Aber es kann bedeuten, dass du empfindlicher für Stimmungsschwankungen bist oder Verhaltensweisen entwickelt hast, die dich anfälliger für Depressionen machen.

Diese Erkenntnis, dass bestimmte Muster in deiner Familie existieren, kann die verschiedensten Gefühle in dir wachrufen. Wut, Trauer oder Ohnmacht. Doch du bist nicht ohnmächtig.

Doch wenn du alte  Verhaltensweisen durchbrechen willst, dann gehört es dazu, einmal genau hinzusehen, zu verstehen und dich dann von dem zu lösen, was dir nicht mehr dient. Du bist nicht verpflichtet, die Fehler deiner Eltern oder Großeltern zu wiederholen. Im Gegenteil: Du kannst deine eigene Geschichte schreiben.

 

Junge und Mutter. Alte Schuldfragen

Fallstricke der Schuld: Warum dich Abrechnung nicht weiter bringt

Als biografischer Coach begleite ich Menschen auf ihrer Reise der Selbstentdeckung. Dabei ist die Genogrammarbeit eines meiner kraftvollsten Werkzeuge. Zuweilen begebe ich dabei einem entscheidenden Missverständnis: Einige Menschen sehen in der Genogrammarbeit eine Möglichkeit, endlich „Beweise“ für das Fehlverhalten ihrer Familie zu finden.

Sie hoffen, durch die Analyse ihrer Familiengeschichte eine Erklärung – oder besser noch: eine Rechtfertigung – für ihre aktuellen Schwierigkeiten zu bekommen. Sie suchen nach den Schuldigen für ihre Probleme. Meist stehen dann Mutter, Vater oder ein anderes Familienmitglied im Zentrum der stillen oder ausgesprochenen Vorwürfe.

Dieser Ansatz ist menschlich verständlich, führt aber in eine Sackgasse. Schuldzuweisungen führen selten zu konstruktiven Lösungen. 

Warum dir die Schuldfrage nicht weiterhilft

Schuld ist ein Gefühl, das dich lähmt. Es verhaftet dich in der Vergangenheit und hindert dich daran, Verantwortung für dein eigenes Leben zu übernehmen. Wer seine Energie darauf verwendet, andere anzuklagen, bleibt in einer Opferrolle gefangen.

Echte Veränderung entsteht, wenn du erkennst, dass du selbst der Schöpfer deiner Realität bist.

Stell dir vor, du trägst einen schweren Rucksack voller Steine. Jeder Stein steht für eine Schuldzuweisung – an deine Eltern, die zu streng waren, an den Lehrer, der dich entmutigt hat, an den Partner, der dich enttäuscht hat. Mit jedem neuen Stein wird der Rucksack schwerer, und deine Schritte werden mühsamer. Du verbrauchst so viel Kraft damit, diese Last zu tragen, dass dir kaum noch Energie für Veränderung bleibt.

Und hier noch ein zweites Bild, das es dir verständlich macht: Schuldzuweisungen können auch wie ein Karussell wirken. Du drehst dich immer wieder im Kreis, spielst dieselben Szenen in deinem Kopf ab, suchst nach Beweisen für das Fehlverhalten anderer. Dabei übersieht du die Chancen, die direkt vor dir liegen. Stattdessen gerätst du immer wieder an die falschen Freunde, tätigst Fehlinvestitionen oder entwickelst andere selbstschädigende Verhaltensmuster, die sich wiederholen.

Besonders tückisch ist, dass Schuldzuweisungen oft eine scheinbare Erleichterung verschaffen. Für einen Moment fühlt es sich gut an, die Verantwortung abzugeben. Doch dieser kurzfristige Trost hat einen hohen Preis: Du gibst damit auch die Macht über dein Leben ab. Denn wenn andere an deiner Situation schuld sind, bist du ihnen ausgeliefert – und damit machtlos, etwas zu ändern.

Diese Art von „vererbter Schuld“ erinnert an das religiöse Konzept der Erbsünde. Ähnlich wie die katholische Kirche die Vorstellung vermittelt, dass jeder Mensch bereits mit einer Schuld geboren wird, tragen viele Menschen die Überzeugung in sich, durch ihre Familiengeschichte „vorbelastet“ zu sein. Während die Erbsünde durch die Taufe abgewaschen werden soll, gibt es für familiäre Schuldzuweisungen kein solches Ritual der Reinigung.

Diese Befreiung muss von dir selbst kommen – durch bewusste Entscheidung und aktive Verantwortungsübernahme.

Der Unterschied zwischen Verantwortung und Schuld

Der Weg aus dieser Falle führt über das Verständnis deiner Familiengeschichte. Du kannst die Handlungen deiner Ahninnen und Ahnen verstehen und gleichzeitig akzeptieren, dass sie aus ihrer damaligen Situation heraus gehandelt haben. Dass sie damals Entscheidungen getroffen haben, die sie für das Beste hielten. Und die du aus heutiger Sicht anders bewertest.

Diese Einsicht befreit dich, neue Wege zu gehen und eigene Entscheidungen zu treffen.

Und dann wird klar: Es geht gar nicht mehr um Schuld! Heute ist Heute. Und du hast die Fähigkeit, auf deine Lebensumstände zu reagieren und Entscheidungen zu treffen. 

Vier Generationen - Versöhnung

Genogrammarbeit als Chance zur Heilung

Die Genogrammarbeit hilft dir, deine familiäre Geschichte zu verstehen – nicht, um andere zu verurteilen. Sie bietet dir die Möglichkeit, wiederholende Muster zu erkennen und zu transformieren. Indem du dich von Schuldzuweisungen löst, kannst du einen neuen Blickwinkel auf deine Familie gewinnen – einen Blick voller Mitgefühl und Verständnis.

Als Coach begleite ich dich bei der Erstellung deines eigenen Genogramms. 

Der Blick auf die Landkarte deiner Familiengeschichte hilft dir

Eigene Verantwortung zu übernehmen: Ich unterstütze dich dabei, in einem Lebensbereich, in dem du blockert bist, aus der Opferrolle auszusteigen und die Verantwortung für dein Leben in die Hand zu nehmen.

Familiäre Muster zu erkennen: Gemeinsam analysieren wir dein Genogramm, um wiederkehrende Themen und Dynamiken zu entdecken. Vier Augen sehen mehr als zwei und ich verspreche dir, dass wir auch positive Ressourcen entdecken, die du in deinem leben verankern kannst.

Verständnis für deine Familie zu entwickeln: Ich helfe dir, die Hintergründe für bestimmte Verhaltensweisen oder Ereignisse in deiner Familie zu verstehen – ohne moralische Urteile zu fällen.

Neue Wege zu gehen: Ich unterstütze dich dabei, konstruktive Lösungen für deine Probleme zu finden und neue Wege für deine Zukunft zu entwickeln.

Genogrammarbeit ist ein Geschenk. Sie ist eine Chance, dich selbst besser kennenzulernen und die Wurzeln für bestimmte Verhaltensweisen oder Lebensumstände zu verstehen. Wir werden die Vergangenheit nicht ändern. Doch du bekommst die Chance, die Gegenwart bewusster zu gestalten.

Möchtest du mehr erfahren?

Kontaktiere mich gerne für ein kostenloses Erstgespräch. Gemeinsam können wir deine individuelle Situation besprechen und überlegen, wie die Genogrammarbeit dich auf deinem Weg unterstützen kann.