Warum wir Beziehungen im Genogramm darstellen

Wenn du dein Genogramm nach dieser Anleitung gezeichnet hast, sieht es erst einmal trotzdem aus, wie ein Stammbaum. Lediglich die Nutzung der Symbole - Kreise für Frauen, Quadrate für Männer - trägt dazu bei, dass es etwas technischer wirkt. Jedes Familienmitglied hat seinen Platz bekommen. Und nun?

Durch die Einzeichnung der Beziehungsqualitäten mithilfe verschiedener Linien werden familiäre Strukturen offensichtlicher. Wo die Luft dünn wurde, sobald zwei Menschen denselben Raum betraten. Wo eine Frau für alle da war und selbst niemanden hatte, an den sie sich lehnen konnte. Wo etwas abgerissen ist und nie wieder zusammenfand.

Das Genogramm zeigt noch etwas, das sich erst auf den zweiten Blick erschließt: wie das eine mit dem anderen zusammenhängt. Wie die Beziehung, die du heute zu deiner Tochter oder deiner Schwester lebst, mit dem zu tun hat, das zwei Generationen vor dir begann. Denn Beziehungen wirken auf mehreren Ebenen zugleich.

Da ist das, was zwischen Menschen derselben Generation geschieht - zwischen Schwestern, zwischen Partnern, zwischen dir und deinen Cousinen. Da ist das, was von einer Generation zur nächsten weitergegeben wird - zwischen Mutter und Tochter, zwischen Großmutter und Enkelin. Und dann ist da eine dritte Ebene, die verborgenste und oft mächtigste: das, was sich über drei, vier Generationen hinweg wiederholt, ohne dass der Zusammenhang erkannt wurde. Ein Kontaktabbruch, der in jeder Generation neu geschieht. "Schwarze Schafe", die aus dem Familiengedächtnis verschwinden. Eine Schwierigkeit, um Hilfe zu bitten, die von Frau zu Frau weiterwandert. Eine Angst vor Nähe, die niemand weitergeben wollte und die trotzdem ankam.

Genau das macht ein Genogramm sichtbar. Die Beziehungen deiner Gegenwart wurzeln oft tiefer, als du gedacht hättest. Es zeigt Muster, die lange vor dir angelegt wurden. Diese Dinge stehen in keiner Urkunde und in keinem Kirchenbuch. Sie stehen in den Linien, die du selbst ziehst.

Einladung und Ermutigung für die Linien, die jetzt kommen 

Es kann sein, dass es sich beim ersten Mal, wenn du dein Genogramm erforscht, sehr ungewohnt anfühlt. Du sollte hier Beziehungen bewerten, die du nur vom Hörensagen kennst. Oder die so lange zurückliegen, dass es inzwischen in deiner Familie mehrere Versionen der Geschichte gibt.

Deshalb drei Dinge, bevor du beginnst.

Dein Genogramm gibt deine eigene Wahrnehmung wieder. Du musst nicht objektiv sein. Und du musst es niemandem zeigen. Auch in meinen Kursen entscheidest du in jedem Moment selbst, was du zeigst und was du für dich behältst.

Du musst nicht loyal sein. Du beschreibst, was war, aber es geht nicht darum, wer Schuld war. Ein Genogramm ist keine Anklageschrift. Betrachte es als eine Art Landkarte. Und Landkarten sind erst einmal neutral, völlig wertfrei. Sie zeigen nur, wo die Berge stehen. Und wenn beim Zeichnen dieses Gefühl auftaucht, du dürftest das eigentlich nicht, dann schreibe es dir auf. Es ist oft die erste sichtbare Spur eines Musters, das viel älter ist als du.

Es ist okay, plötzlich etwas zu entdecken, das du eigentlich nicht sehen wolltest. Das passiert fast jeder Genogrammerstellerin einmal. Du ziehst zwei Linien, und plötzlich steht da etwas, das du dreißig Jahre lang anders erzählt hast. Das ist der Moment, in dem das Genogramm anfängt zu arbeiten. Du musst nichts damit tun. Du darfst das Blatt weglegen und eine Woche später wieder hinschauen. Was du entdeckt hast, war vorher auch schon da. Neu ist nur, dass du es jetzt weißt.

 

Halte den Fokus  - Du musst nicht alles auf einmal sehen

Widerstehe dem Impuls jede einzelne Verbindung einzeichnen zu wollen. Jede Nähe, jeden Konflikt und jeden Kontaktabbruch, quer durch alle Zweige. Denn dann wird das Blatt unlesbar. Am Ende liegt ein Gewirr aus Linien vor dir, in dem du die Übersicht verlierst und gar nichts mehr erkennst.

Deshalb: Fang mit einer Frage an. Nicht mit der ganzen Familie, sondern mit einer einzigen Spur, die dich gerade beschäftigt. Im Onlinekurs arbeiten wir fünf Abende lang mit einer einzigen Fragestellung - und glaube mir, es lohnt sich. Vielleicht ist es die Frage, warum die Frauen in deiner Familie so schwer um Hilfe bitten. Vielleicht, weshalb sich Kontaktabbrüche über die Generationen wiederholen. Ganz oft geht es um Fragen der Kreativität oder darum wie mit Mangel und Fülle umgegangen wurde. Was auch immer es ist, zeichne nur die Beziehungen ein, die mit dieser einen Frage zu tun haben, und lass alles andere zunächst weg.

Die übrigen Beziehungen laufen dir nicht davon. Du kannst dir für jede neue Frage ein neues Blatt nehmen und wirst mit der Zeit merken, dass sich manche Muster erst dann zeigen, wenn du sie einzeln betrachtest, statt sie alle gleichzeitig auf ein Papier zu zwingen.

Die Linien

Es gibt eine gebräuchliche Art, die Dynamiken der Beziehungen darzustellen. Sie ist kein Gesetz, aber sie hilft, weil du dein Blatt in einem Jahr noch lesen können sollst. Hier sind die gängigsten Symbole (nach Monica McGoldrick und Randy Gerson).

Eine einfache Linie — Verbindung, die den Platz im Familiengefüge zeigt, unabhängig von der Beziehungsqualität.

Eine doppelte Linie — Nähe. Vertrauen. Jemand, bei dem du atmen konntest.

Eine dreifache Linie — Verstrickung. So eng, dass kein Platz für ein eigenes Leben blieb.

Eine gestrichelte Linie — Distanz. Höflich vielleicht, aber kühl.

Eine gezackte Linie — Konflikt. Wiederkehrender Streit, Spannung, offene Ablehnung.

Eine durchgestrichene Linie — Abbruch. Funkstille.

Gezackt und doppelt zusammen — die Hass-Liebe. Und ehrlich gesagt: eine der häufigsten Konstellationen überhaupt.

Welche Linie du nimmst, entscheidest du am besten nicht nur mit dem Kopf. Frag dich: Wenn diese beiden Menschen in einem Raum waren — wie war die Luft? Die Antwort darauf, das ist deine Linie.

Linienübersicht Linien im Genogramm

Zwischen Trauschein und Wirklichkeit

Zwei Menschen können vierzig Jahre verheiratet gewesen sein, standesamtlich vollkommen einwandfrei, eine durchgehende Linie zwischen ihnen. Und gleichzeitig haben sie emotional zwei Jahrzehnte in getrennten Zimmern gelebt. Umgekehrt gibt es Paare, die seit Jahrzehnten geschieden sind, formal längst getrennt, und die innerlich weiterstreiten, Tag für Tag, als wäre nie etwas beendet worden.

Diese Lücke zwischen der formalen Struktur und der gefühlten Beziehung ist oft die aufschlussreichste Stelle im ganzen Genogramm. Zeichne deshalb beides ein. Die formale Verbindung, die auf dem Papier steht, ist die schwarze Linie, die Grundlage des Genogramms ist. Dazu hast du die Symbole für Heirat und Scheidung.

Doch nun ergänzt du, wie die Beziehung der Personen tatsächlich gelebt wurde. Der Abstand zwischen beiden Linien erzählt mehr als jede einzelne Linie für sich.

Die Leerstellen

Bei den meisten Frauen, mit denen ich arbeite, ist das ein wichtiger Teil der Arbeit. Das Problem sind nicht die familiären Beziehungen, die sie kennen. Es ist die Magie, der Leerstellen, der Beziehungen, die nicht stattgefunden haben, die verheimlicht wurden oder die abgelehnt wurden. 

Die Urgroßmutter, von der es nur ein Foto gibt. Du hast sie nie kennengelernt. Trotzdem besteht eine Beziehung: Du hast ein Bild von ihr, du hast Sätze über sie gehört, du hast vielleicht ihr Gesicht in deinem. Das ist keine Nicht-Beziehung. Das ist eine Beziehung zu einer Leerstelle. Bei mir ist diese Leerstelle die Schwester meiner Großmutter, von der ich erst durch die Familienforschung erfahren habe und die nun hier und da ihre Spuren hinterlässt. Zum Beispiel auf einer alten Ansichtskarte, die ihr ihr Liebster 1917 aus dem Krieg geschrieben hat, kurz bevor sie 21jährig starb. Die Überraschung, dass wir fast am gleichen Tag Geburtstag haben. Oder durch ein mehrdeutig beschriftetes Foto, von dem alle immer annahmen, dass es meine Großmutter zeige. Ich glaube diese Leerstelle prägt mich - auch wenn ich es noch nicht erklären kann. Mein Tipp für dich: Zeichne eine dünne, gestrichelte Linie und schreibe daneben, was du weißt.

Eine Beziehung, die du nur vom Hörensagen kennst. Weil es schon so lange her ist. Weil du noch zu klein warst. Oder weil darüber Stillschweigen gewahrt wurde.  so, wie sie erzählt wurde — und markiere sie als Erzählung. Ein Fragezeichen an der Linie, eine Notiz am Rand: so hat Mutter es beschrieben. Das ist keine Schwäche im Genogramm. Wer eine Beziehung wie beschrieben hat, gehört selbst zur Geschichte.

Die Frauen, die aus der Erzählung herausgefallen sind. Zeichne sie ein. Auch ohne Namen. Ein Kreis, ein Fragezeichen, Schwester der Urgroßmutter, Name unbekannt. Das ist einer der stillsten Momente in der Genogrammarbeit: wenn eine Frau, die seit hundert Jahren in keiner Familiengeschichte mehr vorkam, wieder einen Platz auf einem Blatt bekommt. Die Lücken zu markieren, statt sie zu überspringen, verändert die Form des ganzen Genogramms.

Das, was nie ausgesprochen wurde, aber doch irgendwie in der Luft hing. Für Schweigen gibt es kein Standardsymbol. Erfinde eins. Ich arbeite gern mit einer punktierten Linie für da war etwas, worüber nicht gesprochen wurde und mit einem kleinen Kreis für ein Thema, das ganze Familienzweige umgeht. Leg dir eine Legende an. Dein Genogramm darf eine eigene Sprache haben. Es muss nur für dich lesbar sein.

Beziehungen, die nach dem Tod weitergehen. Beziehungen enden nicht mit dem Tod. Der Mensch wird im Genogramm als verstorben gekennzeichnet, aber die Linie zwischen euch darf deine heutige Beziehung zu ihr oder zu ihm beschreiben. Zu einer Mutter, die vor Jahren gestorben ist, kann die Verbindung heute enger, klarer oder auch strittiger sein als je zuvor. Zeichne die Beziehung, die jetzt lebendig ist, nicht die, die mit der Beerdigung eingefroren wurde.

Beziehung zu unbekannten Ahnen

Wer unter einem Dach lebte

Nicht jede prägende Verbindung ist eine Blutsverwandtschaft, und nicht jede zeigt sich in den Beziehungslinien. Manchmal ist das Entscheidende schlicht, dass Menschen über Jahre denselben Alltag teilten.

Die alleinstehende Schwiegermutter, die zwei Jahrzehnte im Haus des Sohnes lebte. Die unverheiratete Schwester, die nie auszog. Die Patentante, die nach dem Tod ihres Mannes für ein paar Wochen einzog und blieb. Sie alle haben das Familiensystem mitgeprägt, wie gesprochen wurde, worüber man schwieg, wer im Haushalt das Sagen hatte oder dienstbarer Geist war. In der erzählten Familiengeschichte kommen sie vielleicht trotzdem nur am Rande vor.

Für sie gibt es eine eigene Linie. Sie führt nicht zwischen zwei Menschen hindurch, sondern legt sich als gestrichelte Kontur um alle, die längere Zeit unter einem Dach lebten. Diese Haushaltslinie sagt nichts über Nähe oder Ferne, sondern nur: Hier wurde ein Alltag geteilt. Und das Aufschlussreiche entsteht erst, wenn du sie mit den Beziehungslinien überlagerst. Denn nicht selten zeigt sich dann, dass Menschen jahrelang Wand an Wand lebten und emotional eine kühle, gestrichelte Linie zwischen ihnen verlief. Zusammenwohnen und Verbundensein sind eben nicht dasselbe.

Gerade die Frauen ohne eigene Ehe und ohne eigene Kinder fallen aus dem klassischen Stammbaumraster. Im Genogramm bekommen sie ihren Platz zurück: als die, die da waren, die mittrugen, mitversorgten, oft die eigentliche Arbeit im Hintergrund taten. Sie einzuzeichnen ist einer dieser berührenden Momente, in denen eine Frau wieder sichtbar wird, die aus der familiären Erzählung verschwunden war.

In dieser Zeichnung siehst du eine Großmutter väterlicherseits, die nach dem Tod ihres Mannes zum Sohn zog und 17 Jahre in diesem Haushalt lebte. In diesem fiktiven Beispiel zeige ich dir auch gleich, wie du die Dynamiken der Beziehungen einzeichnen kannst.

Angenommen, du willst gerade die Beziehungen der Frauen in deiner Familie untersuchen, dann könnte dein Genogramm so aussehen: 

  • Symbiotische Beziehung zwischen der Großmutter väterlicherseits zu ihrem Sohn, deinem Vater.
  • Diese Großmutter wiederum hat eine angespannte Beziehung zu ihrer Schwiegertochter und eine enge Beziehung zur jüngsten Enkeltochter, die tatsächlich auch erst zur Welt kam, wals die Großmutter mit im Haushalt lebte.
  • Die Indexperson (Du) hat dagegen eine engere Beziehung zur Großmutter mütterlicherseits entwickelt. 

Spannend wäre noch, dass die Großmutter auch nach dem Tod ihres Sohnes weiter im Haushalt lebt, offenbar bis zu ihrem eigenen Tod.

Farben

Erst schwarz, dann Farbe. Zeichne erst das Gerüst in der Grundfarbe. Kreise, Quadrate, Generationslinien. Die Farbe kommt danach. Wenn du gleich bunt anfängst, entscheidest du über Bedeutungen, bevor du die Struktur überhaupt siehst.

Eine Farbe, eine Frage. Was manchmal empfohlen wird, ist so eine Art Ampelsystem:  rot für Konflikt, grün für Ressourcen. Gelb für Grenzen.

Versuche mal etwas anderes. Entdecke, was wirksam wird, wenn jede Farbe eine Frage an dein System stellt. Und nimm immer die Farbe, die dir gerade passend erscheint. Es darf auch lila, türkis oder orange werden.

  • Wer hatte einen Beruf und wer blieb unsichtbar?
  • Wer ist weggegangen (geografisch oder innerlich)?
  • Wer musste Erwartungen erfüllen und wer durfte (oder konnte) seine Träume leben?

Dann ziehst du eine Farbe durch das ganze Genogramm und schaust, welche Form entsteht. Muster zeigen sich in der Verteilung, nicht in der einzelnen Markierung. Wenn eine Farbe sich durch vier Generationen einer Linie zieht und in der anderen gar nicht auftaucht, hast du etwas gefunden.

Nicht mehr als drei Farben pro Blatt. Ab der vierten sieht das Auge nur noch Buntheit. Wenn du mehr Fragen hast: mehrere Durchgänge. Kopiere dein Grundgerüst, jede Kopie bekommt eine Frage.

Und schreibe deine Legende auf. Was du heute mit Ocker meinst, weißt du in drei Monaten nicht mehr. Auch wenn es im Moment vollkommen offensichtlich scheint.

Farbe macht ein Genogramm emotional zugänglicher. Ein schwarzweißes Blatt lässt sich distanziert betrachten. Sobald die mütterliche Linie durchgehend in einer Farbe steht, wird es persönlich. Das ist gewollt. Aber es ist gut zu wissen, dass die Farbe auch etwas mit dir macht.

Das Praktische

Papier und Bleistift. Wirklich. Die Hand denkt mit, das Programm auf dem Computer nicht. Programme sind gut, wenn du am Ende etwas Aufgeräumtes für dein Familienbuch brauchst. Für die Arbeit selbst: großes Blatt, weicher Stift, Radiergummi.

Wenn das Blatt voll wird, ist es voll genug, um etwas zu zeigen. Nimm ein zweites für einen Zweig. Oder arbeite mit Transparentpapier: Grundgerüst unten, Beziehungslinien auf der Auflage. So kannst du verschiedene Lesarten übereinanderlegen, ohne neu zu zeichnen.

Zeichne nicht alles. Du musst nicht jede Beziehung zwischen jedem Menschen einzeichnen. Nimm die Linien, die mit deiner aktuellen Frage zu tun haben. Der Rest kann warten.

Beziehungen, die sich verändert haben, brauchen kein Symbolgebastel. Zeichne zwei Genogramme: eines für die Zeit, als du zehn warst, eines für heute. Nebeneinandergelegt zeigen sie mehr als jedes Kombinationszeichen. Und datiere jedes Blatt. Manche Frauen zeichnen ihr Genogramm im Lauf der Jahre mehrfach und die Reihe wird selbst zur eindrucksvollen Geschichte.

Wessen Sicht ist das eigentlich?

Deine. Für dieses Blatt, in diesem Moment.

Ein Genogramm ist keine objektive Familienchronik. Deine Schwester würde ein anderes zeichnen, obwohl ihr die gleichen Vorfahren habt. Beide wären richtig, beides sind Ausschnitte.

Manchmal taucht dabei die Frage auf: Ist meine Sicht nicht einfach die des Kindes, das ich war? Zum Teil ja. Und das ist genau der Wert. Das Kind, das du warst, hat Dinge gespürt, die niemand ausgesprochen hat. Diese Wahrnehmung ist keine Verzerrung, die es zu korrigieren gilt. Sie ist die Quelle.

Später kannst du danebenlegen, was die Erwachsene heute sieht. Der Abstand zwischen beiden Bildern ist oft das Interessanteste am ganzen Blatt.

Und wenn du merkst, dass du jemanden anders einzeichnest, als du es gern hättest: Dann ist die Linie ehrlich. Der Wunsch ist selbst eine Information. Notier ihn daneben. Ich hätte gern eine doppelte Linie gezogen. Dieser Satz sagt manchmal mehr als das ganze Genogramm.

Der Schritt danach: Biografisches Schreiben

Hier hören die meisten Anleitungen auf. Und hier fängt meiner Ansicht nach die eigentliche Arbeit an. Ein Genogramm zeigt dir die Struktur. Aber es sagt dir nicht, was du darüber denkst. Dafür brauchst du den Stift auf andere Weise.

Nimm die Linie, die dir am meisten auffällt. Und schreib zwanzig Minuten darüber. Es geht nicht ums Analysieren, sondern ums Erzählen. Was war da? Was hast du gesehen, als du klein warst? Was hättest du gern gefragt? 

Spannend ist auch die Frage, wie du dir die Geschichte bisher erzählt hast und ob du ein neues Narrativ, eine neue Version der Familiengeschichte entdeckt hast. Vielleicht eine Großmutter, die du als rau und hart empfunden hast und von der du heute großen Respekt hast, weil sie mit drei kleinen Kindern aus Pommern zu Fuß geflohen ist und hier nicht nur ein neues Zuhause aufgebaut hat, sondern alle ihren Kindern - und vor allem auch den Töchtern ein Studium ermöglicht hat.

Ohne diesen zweiten Schritt der Reflexion und Selbstreflexion bleibt das Genogramm eine hübsche Grafik. Durch das Schreiben wird es zu deiner Geschichte.

Und dann kommt die Frage, die sich meistens von selbst stellt: Wo wiederholt sich das bei mir? Wenn im Genogramm dreimal eine Frau auftaucht, die für alle da war und selbst niemanden hatte, dann frage dich, wie sind deine Freundschaften gebaut? Zeichne dein heutiges Umfeld ruhig unten an den Rand. Die Ähnlichkeiten springen ins Auge.

Zum Schluss: Zeichne auch die Liebe

Genogramme haben den Ruf, Problemkarten zu sein, und das hat mit ihrer Herkunft aus der Therapie zu tun. Dort ging es meist darum, ein Leiden zu verstehen, und der Blick fiel folgerichtig auf das, was schmerzte, also auf Brüche, Konflikte, Wiederholungen.

In meinen Genogrammkursen arbeiten wir Ressourcen-orientiert. Wir suchen keine Diagnosen, sondern das, was hilft. Auch wenn wir auf die Vergangenheit schauen, geht es um Gegenwart und Zukunft.

Zeichne also auch die doppelten Linien ein. Die Großmutter, die für dich da war. Den Onkel, in dessen Nähe du dich sicher gefühlt hast. Die Tante, die dich gesehen hat, als sonst niemand hinsah. Vielleicht waren gerade die weniger lauten Figuren, die kaum je erwähnt werden, weil sie keinen Ärger machten und keine Geschichte hinterließen, deine Ankermenschen, die dir gezeigt haben, dass Verbundensein möglich ist. Und vielleicht waren es auch die Schrillen, Mutigen, die dir die innere Erlaubnis geben, für dich selbst einzustehen. 

Diese Linien zu ziehen, ist mehr als Vollständigkeit. Es verschiebt etwas in dir. Denn wer beim Zeichnen nur den Brüchen nachgeht, steht am Ende vor einem Blatt, das die eigene Herkunft ärmer erscheinen lässt, als sie war. Nimmst du die guten Linien dazu, wird sichtbar, dass es auch Wärme gab, Zuflucht, Menschen, die es gut mit dir oder und den anderen Menschen in deinem Familiensystem meinten. Und häufig sind es genau diese Verbindungen, aus denen später die Kraft kommt. 

Ein Genogramm, das nur die Brüche zeigt, ist am Ende genauso unvollständig wie eine Familiengeschichte, die nur von den schönen Sonntagen erzählt. Beide Linien gehören aufs Blatt — die, die wehtun, und die, die halten. Erst zusammen ergeben sie das Bild, aus dem heraus du weitergehen kannst.

Wenn du dein Genogramm nicht allein zeichnen möchtest, sondern begleitet — mit Zeit zwischen den Abenden, in einer kleinen Gruppe von Frauen, die dasselbe tun: