In diesem Artikel erfährst du, wie du die richtige Frage an dein Genogramm stellst – eine Frage, die dich innerlich weiterbringt. Du lernst den Unterschied zwischen Fragen, die die Familie erklären, und Fragen, die dich bereichern. Mit drei konkreten Arbeitsebenen, einem persönlichen Beispiel und einer Sammlung ressourcenorientierter Fragen für Frauen in der zweiten Lebenshälfte.
Einleitung
Du sitzt vor deinem Genogramm. Vielleicht hast du Stunden gebraucht, um Geburten und Tode, Berufe und Brüche, die Ehen deiner Großeltern und die Kinder, über die nie gesprochen wurde herauszufinden und Kreise und Quadrate, Linien und Namen einzutragen. Das Bild ist fertig. Und jetzt?
Viele Menschen sitzen genau an diesem Punkt. Sie haben ihr Genogramm erstellt und es scheint sich nicht von einem „normalen“ Familienstammbaum zu unterscheiden. Sie spüren, dass da etwas ist, aber sie wissen nicht, wie sie es fassen können. Das Genogramm schweigt. Es schaut zurück.
Ein Genogramm ist kein familiäres Rätsel, das sich von selbst löst. Es ist auch kein Beweisstück, das Anklage erhebt. Es ist eine Einladung, doch die wartet auf die richtige Frage. Erst dann beginnt es zu sprechen.
Doch was macht eine gute Frage im Genogramm aus? Anders, als du vielleicht denkst, ist es keine Frage der Technik. Es ist eine Frage der Haltung. Denn nicht jede Frage führt tiefer. Manche Fragen bestätigen nur, was wir ohnehin schon wissen oder was wir zu wissen glauben. Sie suchen Beweise für alte (Vor-)Urteile, statt echte Antworten zu finden.
Ganz anders dagegen die richtige Frage! Sie öffnet einen neuen Denk-Raum und lädt zu neuen Perspektiven ein, statt zu urteilen. Sie sucht Muster, keine Schuldigen.
Wann ist eine Frage im Genogramm „richtig“?
Es gibt ein einfaches Kriterium, das alles entscheidet: Eine gute Frage im Genogramm gibt dir etwas mit auf den Weg, das dich zufriedener macht.
Das klingt simpel. Aber es verändert alles. Denn die meisten Fragen, die wir stellen, wenn wir unser Genogramm zum ersten Mal anschauen, drehen sich um andere: Was haben sie getan? Warum haben sie geschwiegen? Wie konnte das passieren? Diese Fragen sind verständlich. Aber sie lassen dich außen vor.
Eine Frage, die dich bereichert, kehrt den Blick um. Sie fragt nicht, was mit deiner Familie nicht gestimmt hat. Sie fragt, was du durch den Blick auf deine Familie über dich selbst erfahren kannst. Sie fragt danach, was du in deiner Familie für andere trägst, was du loslassen dürftest. Und vor allem fragt sie, was schon immer als Stärke in dir steckte, ohne dass du es wusstest.
Die drei Ebenen der Frage
Ebene 1 – Was sehe ich? (Fakten, Daten, Wiederholungen)
Auf dieser ersten Ebene geht es ums Beobachten. Was taucht auf? Welche Berufe wiederholen sich? Wer hat jung geheiratet oder gar nicht? Wer ist früh gestorben? Wer hat die Familie verlassen, durch Auswanderung, durch Scheidung oder durch Kontaktabbruch? Diese Fragen sind sachlich. Sie kartieren das Terrain.
Ebene 2 – Was spüre ich? (Resonanz, Irritation, Berührung)
Auf der zweiten Ebene wechselst du vom Kopf in den Körper. Wo zieht sich etwas zusammen, wenn du hinschaust? Welche Person meidest du, ohne zu wissen warum? Welche Person scheint dich zu rufen, indem sie immer wieder in deinen Gedanken auftaucht? Diese Fragen folgen dem Gefühl als Kompass. Sie zeigen, wo etwas in dir berührt wird.
Ebene 3 – Wie wende ich den Blick? (Neubeginn)
Der kraftvollste Schritt ist die Umkehrung. Das Genogramm stellt dir selbst Fragen. Was zeigt dir deine Familie über dich, über das, was du trägst, was du weitergibst, was du loslassen dürftest? Hier verlässt du die Beobachterperspektive. Du wirst selbst zur Antwort.
Was du hier siehst, mag zur Familie gehören. Was du damit anfängst, gehört dir!
Ein Beispiel aus meiner eigenen Geschichte
Als Demenzberaterin und Coach für transgenerationale Arbeit tue meine Arbeit mit viel Energie und Herzblut und doch blieb der Erfolg eine Zeit lang hinter dem zurück, was ich mir erhofft hatte. Als ich mein eigenes Genogramm zeichnete, verstand ich besser, warum.
Ebene 1 – Was sehe ich?
Mein Urgroßvater war Unternehmer und verlor in der Weltwirtschaftskrise in den zwanziger Jahren binnen weniger Wochen sein Unternehmen. Meine Großmutter war selbständige Schneiderin und erlebte in ihrem Leben gleich drei Währungsreformen. Und immer war ein Teil des Geldes futsch. Meine Mutter war alleinerziehend, das Geld war oftmals knapp. Drei Generationen, drei verschiedene Formen von Verlust.
Ebene 2 – Was spüre ich?
Kein Wunder also, dass ich lange Zeit das Gefühl hatte, Mangel und Verlustangst seien mir in die Wiege gelegt worden. Doch als ich auf meine Großmutter schaute, konnte ich auch etwas ganz anderes sehen. Diese Frau hat dreimal von vorne angefangen ohne zu klagen und ohne aufzugeben. Sie entwarf und nähte Kleider für Gräfinnen und Baroninnen und ihre Arbeiten waren in der Region gefragt. Mutig ging sie bis ins Alter immer mit der neuesten Mode. Ich spürte, wie sehr ich sie bewundere und dass viel von ihrer stillen Stärke auch in mir steckt. Und auch mein Urgroßvater hat etwas gewagt und war lange Jahre damit erfolgreich.
Ebene 3 – Wie wende ich den Blick?
Und dann drehte sich der Blick um. Ich frage nicht mehr: Warum bin ich nicht erfolgreicher? Sondern: Welche Botschaft über Geld und Sicherheit habe ich von diesen Menschen mitbekommen – und lebe ich sie noch, ohne es zu wissen? Was bedeutet es für mich, erfolgreich zu sein, auch wenn der Erfolg in meiner Familie immer wieder weggenommen wurde? Das war der Moment, in dem das Genogramm anfing, wirklich mit mir zu sprechen.
In welche Richtung führen dich deine Fragen?
Es gibt Fragen, die sich wie Forscherdrang anfühlen und trotzdem in eine Sackgasse führen. Nicht weil sie böse gemeint sind, sondern weil sie in die falsche Richtung zeigen: auf die Familie statt auf dich.
„Warum hat meine Mutter das getan?“ oder „Was hat Opa im Krieg gemacht?“ Diese Fragen nach familiären Themen klingen nach Neugier. Aber die Antwort auf diese Fragen liegt außerhalb von dir. Es geht um die Mutter oder den Großvater und deren Geschichten. Du kannst Antworten finden oder auch nicht. Und selbst wenn du sie findest, bringt sie dich innerlich nicht weiter. Sie erklären etwas und im besten Falle verstehst du andere Familienmitglieder nun besser. Aber diese Antwort befreit nicht von den alten Mustern.
Dasselbe gilt für Fragen wie „Warum verlieren so viele in meiner Familie ihr Geld?“ oder „Warum waren die Männer in meiner Familie so abwesend?“ Diese Fragen haben zwar die Familie als Thema. Doch das Genogramm wird zur Beweissammlung für etwas, das du eigentlich schon weißt oder erwartest.
Der entscheidende Prüfstein lautet: Wem nützt diese Frage – der Familie oder dir?
Eine Frage, die dir nützt, ist eine Frage, die dich bereichert. Sie dreht den Blick um. Sie fragt nicht nach dem Defizit dort draußen, sondern nach dem, was du noch nicht siehst und doch in dir trägst. Aus „Warum verlieren so viele ihr Geld?“ wird dann: „Welche Beziehung zu Sicherheit und Ressourcen lebe ich und was davon habe ich wirklich selbst gewählt?“ Oder: „Welche Kraft steckt in meiner Familie im Umgang mit Verlust und Neuanfang und was davon gehört auch zu mir?“
Das ist kein Schönreden. Es ist ein bewusster Schwenk vom Urteil zur Erkundung. Und genau dort, in dieser Erkundung, beginnt das Gespräch mit dir selbst, also das eigentliche Gespräch, auf das das Genogramm wartet.
Eine Einladung zum Selbstversuch
Nimm dein Genogramm zur Hand oder zeichne es jetzt, auch wenn es noch unvollständig ist. Und stelle dir eine dieser Fragen:
Welche Frau in meinem Genogramm hat mich geprägt, ohne dass wir uns je richtig begegnet sind?
Wo erkenne ich in meiner Familie eine Stärke, die ich bisher als Schwäche betrachtet habe?
Welches Muster in meiner Familie enthält eine Botschaft, die ich noch nicht vollständig empfangen habe?
Schreibe auf, was kommt. Lass die Frage und deine Antworten auf dich wirken.
Versöhnung beginnt mit Neugier
Wer mit Gleichmut und Freundlichkeit fragt, will keine Schuldfragen klären. Er sucht Zusammenhänge. Und in denen liegt der Anfang der Versöhnung mit der eigenen Geschichte.
Das Genogramm zeigt dir nicht, was falsch gelaufen ist in deiner Familie. Es zeigt dir, was du mit auf den Weg bekommen hast – bewusst und unbewusst, als Aufgabe und als Geschenk. Die Frage, die du stellst, entscheidet darüber, was du siehst.
Hier sind Beispiele für Fragen, die dich einladen, genauer hinzuschauen:
Arbeit & Berufung – Welche Frau in meiner Familie hat etwas gelebt, das mich bis heute inspiriert und was davon steckt auch in mir?
Geld & Sicherheit – Wo hat meine Familie Findigkeit und Stärke im Umgang mit knappen Ressourcen gezeigt und welche davon kann ich gut gebrauchen?
Liebe & Beziehung – Was hat Liebe in meiner Familie trotz allem zusammengehalten und was davon gehört auch zu mir?
Körper & Alter – Welche Frau in meiner Familie ist mit Würde und Selbstachtung gealtert und was kann ich von ihr lernen?
Grenzen & Stimme – Wo hat eine Frau in meiner Familie ihren Platz behauptet – leise oder laut – und wie lebt das in mir weiter?
Verlust & Weitergehen – Welche Kraft hat meine Familie im Umgang mit dem Unabänderlichen gezeigt und wie trägt mich diese Kraft heute?
Töchter & Mütter – Was hat meine Mutter mir mitgegeben, das ich erst jetzt, in dieser Lebensphase, wirklich zu schätzen weiß?
Zum Schluss
Diese Fragen sind keine Aufgaben. Sie sind Einladungen.
Nimm dir eine – nur eine. Auch wenn du mehrere oder gar alle spannend findest. In der Genogrammarbeit betrachten wir jede Frage für sich, damit die Antwort ihre volle Kraft entfalten kann. Nimm also die Frage, die dich am meisten anspricht oder eine, die dich auch ein bisschen irritiert. Nimm dir Zeit für dieses Thema und schreibe auf, was kommt.
Denn das ist das Geheimnis des Genogramms: Es braucht eine gute Frage und dann den Mut, ihr wirklich zu folgen.
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