Kurzzusammenfassung: Musik öffnet Türen zu unseren tiefsten Erinnerungen. Aber sie zeigt auch Muster, die sich durch Generationen ziehen. Wenn du verstehst, welche Melodien deine Großmutter summte und warum deine Mutter bestimmte Lieder liebte, verstehst du auch dich selbst besser. Genogramm-Arbeit verbindet biografisches Schreiben mit der Landkarte deiner Familie und macht sichtbar: Deine wichtigsten Wendepunkte sind oft Echos aus deiner Familiengeschichte.
————–
Erinnerst du dich an den Song, der lief, als du zum ersten Mal verliebt warst? An die Melodien, die deine Mutter summte? An das Lied, das deine Großmutter nie zu Ende singen konnte, weil ihre Stimme brach?
Musik öffnet Türen zu unseren tiefsten Erinnerungen. Und manchmal öffnet sie auch Türen zu etwas anderem: zu Mustern, die sich durch Generationen ziehen. Zu Melodien, die nicht nur deine eigene Geschichte erzählen, sondern die Geschichte deiner ganzen Familie.
Besonders wir Frauen in der zweiten Lebenshälfte spüren, wie ein Song eine ganze Flut an Gefühlen auslösen und längst vergessen geglaubte Details unserer Lebensgeschichte hervorholen kann. Bist du bereit, durch die Wohnung oder mit dem Stift auf dem Papier zu tanzen?
Wenn Musik mehr ist als Erinnerung
Eine Kundin entdeckte beim Zeichnen ihres Genogramms ein überraschendes Muster: Ihre Großmutter hatte mit 45 Jahren, nach dem Auszug der Töchter, in deren ehemaligen Kinderzimmer ein kleines Schneideratelier eingerichtet. Gegen den Willen ihres Mannes, den drei Dinge störten: Dass sie ihr eigenes Geld verdienen wollte, dass die Nachbarinnen von da an regelmäßig bei ihr saßen, Kleider probierten und schwatzten und dass sie im Radio immer diese französische Musik anstellte.
Ihre Mutter hatte nicht die Kraft gehabt, aus ihrer unglücklichen Ehe auszubrechen. Aber mit 45 Jahren machte sie die Fahrerlaubnis und kaufte sich ein kleines rotes Auto, das von da an frech und trotzig neben der großen Limousine ihres Mannes stand. „Sie fuhr nach einem Streit oft allein los. Und sie hörte dabei Musik. Édith Piaf. „Non, je ne regrette rien.“ Ich weiß noch genau, wie sie lächelte.“
Und sie selbst? Mit Mitte 40 trennte sie sich von ihrem Mann, kündigte ihren sicheren, aber ungeliebten Job in der Großbank und finanzierte sich mit einem Teil der Abfindung ein Studium der Sozialen Arbeit. „Meine Kollegen sagten: Bist du verrückt? Aber nach meinem letzten Arbeitstag habe ich im Auto Piaf aufgedreht und bin durch die Stadt gefahren. Ich bereue nichts.“
Plötzlich sah sie es ganz klar: „Immer mit Mitte 40. Immer diese Rebellion. Immer dieser eine Song. Jede von uns hat ihre eigene Version von Freiheit gesucht und gefunden.“
Wenn du genau hinsiehst, kannst du in vielen Ereignissen deiner Familiengeschichte Muster entdecken. Gerade die wichtigsten Wendepunkte deines Lebens sind oft keine Solo-Nummern, sondern Echos aus deiner Familiengeschichte. Variationen eines Themas, das schon deine Großmutter gespielt hat.
Die Landkarte deiner Familie hat einen Sound
In meiner Arbeit verbinde ich Genogrammarbeit mit biografischem Schreiben. Ein Genogramm ist die Landkarte deiner Familie. Es zeigt nicht nur, wer mit wem verwandt ist, sondern auch:
- Wo wiederholen sich Beziehungsmuster?
- Welche Themen tauchen in jeder Generation auf?
- Welche Treueverträge wurden stillschweigend weitergegeben?
Und manchmal hat diese Landkarte auch einen Soundtrack.
Meine Schwiegermutter zitierte oft die ersten Zeilen eines Liedes: „Wenn in stiller Stunde Träume mich umwehn, bringen frohe Kunde Geister ungesehn, reden von dem Lande meiner Heimat mir, hellem Meeresstrande, düsterm Waldrevier.“
Uns war gar nicht bewusst, woher die Zeilen stammten und was sie ihr bedeuteten. Erst als ich für ihre Bestattung im Friedwald die passende Musik heraussuchen sollte und auf das Pommernlied stieß, ahnte ich die Bedeutung, die es für sie gehabt haben muss. Die Sehnsucht nach dem Land, dass sie als 9-Jährige verlassen musste, hat sie ein Leben lang begleitet. Sie sprach selten direkt über den Schmerz, sondern verpackte ihn in die erste Strophe des Heimatliedes.
Die transgenerationale Weitergabe von Gefühlen, von unausgesprochenen Verlusten und Sehnsucht nach etwas, das nie zurückkommt, klingt manchmal eben auch wie Musik.
Meine eigene Großmutter liebte Küchenlieder, die sie mit ihrer alten, geliebten, brüchigen Stimme sang. Sentimentale, kitschige Lieder, in denen es um verlorene Liebe und Herzschmerz ging. Und auch wenn in meinen Playlists kein Mariechen mehr weinend im Garten sitzt, gibt es doch eine heimliche Leidenschaft für sentimentale Soulmusik. Die Melodie hat sich verändert, aber das Gefühl – diese Erlaubnis, tief zu fühlen, sich von Musik berühren zu lassen – das habe ich von ihr geerbt.
Welcher Song erzählt deine Familiengeschichte?
Wenn du anfängst, die Landkarte deiner Familie zu zeichnen, entdeckst du oft überraschende Melodien:
Die Hymne des Aufbruchs: Frauen, die in jeder Generation ihre Heimat verlassen – mal mutig, mal verzweifelt, immer suchend.
Die Ballade der Versorgerin: Frauen, die sich selbst zurückstellen, die Familie zusammenhalten und deren Träume unerreichbar bleiben.
Der Blues der Verluste: Menschen, die zu früh verstorben sind, Trennungen, Abschiede
Die Rebellin-Hymne: Frauen, die ausbrechen, die sich trauen, anders zu sein.
Wenn du diese Muster erkennst, verstehst du nicht nur deine Familie besser. Du verstehst auch dich selbst.
Von der Melodie deiner Ahninnen zu deinem eigenen Song
Das ist keine leichte Arbeit. Manchmal stößt du auf Melodien, die schmerzen. Auf Lieder, die nie zu Ende gesungen wurden. Auf Treueverträge, die besagen: „Wir leiden leise. Wir brechen nicht aus. Wir halten die Fassade aufrecht.“
Genau könnte ein Schatz zu finden sein. Wenn du verstehst, welche Muster sich durch deine Familie ziehen, kannst du entscheiden, was du weiterspielen willst und was nicht.
Das ist Autorität: Du weißt, wer du bist. Du übernimmst nicht mehr automatisch die Muster deiner Ahninnen. Du entscheidest selbst, was zu dir gehört und was du zurücklassen darfst.
Eine Übung: Dein persönlicher Familien-Soundtrack
Wenn du neugierig geworden bist, probier das aus:
Zeichne dein Mini-Genogramm: Nimm ein großes Blatt Papier und zeichne dich selbst unten in die Mitte. Darüber deine Eltern, darüber deine Großeltern. Zeichne die Frauen deiner Familie – drei Generationen.
Markiere die Wendepunkte: Wann hat jede dieser Frauen einen großen Schritt gemacht? Einen Umzug, eine Trennung, einen Neuanfang, eine Entscheidung, die alles verändert hat?
Finde die Melodie: Wenn du an diese Wendepunkte denkst – welcher Song würde dazu passen? Gibt es ähnliche Tonarten? Ähnliche Rhythmen? Oder hat jede Generation einen völlig anderen Beat?
Schreibe 15 Minuten: Wähle einen Wendepunkt aus (einen eigenen oder den einer Ahnin) und schreibe. Was ist passiert? Was wurde gesagt? Was blieb unausgesprochen? Welche Gefühle schwingen mit?
Das ist biografisches Schreiben als Reflexionsmethode. Es geht nicht darum, einen perfekten Text zu schreiben. Es geht darum zu verstehen.
Wenn du tiefer gehen willst
Vielleicht merkst du beim Schreiben: Ich will mehr. Da sind Fragen, die sich nicht so einfach beantworten lassen. Da sind Muster, die du noch nicht ganz durchschaust.
Genau dafür ist meine Arbeit da.
Ich begleite Frauen 50+ dabei, ihre Familiengeschichte zu verstehen. Durch Genogramm-Arbeit und biografisches Schreiben. Ob du verstehen willst, warum sich in deiner Familie immer das Gleiche wiederholt, oder ob du deine Geschichte für deine Enkel aufschreiben möchtest: Ich zeige dir, wie du deine Wurzeln verstehst, ohne in Loyalitätskonflikten steckenzubleiben und deinen Frieden zu finden.
Der erste Schritt ist ein kostenloses Workbook: „Der rote Faden“. Schenke dir 30 Minuten, in denen du die Muster erkennst, die dein Leben geprägt haben.
Mein Geschenk an dich: Der rote Faden deines Lebens. Workbook.
