Viele Frauen in der zweiten Lebenshälfte tragen eine Geschichte in sich, die sie schon lange aufschreiben wollten. Eine Lebensgeschichte, eine Familiengeschichte, Erinnerungen, die nicht verloren gehen sollen. Und trotzdem bleibt das Dokument leer, das Notizbuch zu. Dieser Artikel geht der Frage nach, was uns wirklich davon abhält, die eigene Geschichte zu erzählen — und warum Schreibangst, Loyalität und das Gefühl der Unzulänglichkeit so hartnäckig sind.
Es war ein Freitagnachmittag, meine übliche Schreibzeit, und ich saß vor einem leeren Dokument.
Das Thema stand fest. Die Zeit war da. Der Kaffee noch warm. Und trotzdem passierte nichts. Ich schrieb einen Satz, löschte ihn. Schrieb einen anderen, löschte auch den. Nach zwanzig Minuten hatte ich exakt null Wörter und das dringende Bedürfnis, die Wäsche zu bügeln. Ein ganz schlechtes Zeichen!
Dabei wollte ich doch nur über meine Mutter schreiben.
Ich kenne diesen Moment. Und ich weiß, dass ich damit nicht alleine bin. In meiner Arbeit mit Frauen begegnet mir oft dieser Widerstand, der auftaucht, wenn wir uns hinsetzen und über das schreiben wollen, was uns wirklich etwas angeht. Was steckt dahinter? Meistens sind es mehrere Gründe, die sich übereinanderlegen wie alte Sedimentschichten.
"Mein Leben ist nicht interessant genug"
Da ist bei Frauen zunächst das Gefühl, dass das eigene Leben nicht interessant genug sei. Keine hat das treffender beschrieben als die irische Schriftstellerin Doireann Ní Ghríofa in ihrem Buch "Ein Geist in der Kehle".
Wir Frauen haben unsere Kinder getröstet, wenn sie vom Klettergerüst gefallen sind, wir haben die Wäsche gebügelt, Kuchen gebacken, in vorwiegend helfenden Berufen gearbeitet und am Abend noch eine Gute-Nacht-Geschichte gelesen, bis das Kind zu alt dafür war und die Schwiegermutter dement wurde und unsere Hilfe brauchte. Andere haben Dramatischeres erlebt und vielleicht sogar ein bisschen die Welt gerettet. Andere können auch viel spannender erzählen und schreiben besser.
Die eigene Geschichte wirkt im Vergleich dazu klein, zu alltäglich, zu wenig außergewöhnlich. Was wir dabei übersehen: Wir verwechseln literarische Bedeutsamkeit mit menschlicher Wahrheit. Was uns wirklich bewegt, was uns geprägt hat, was wir ein Leben lang mit uns tragen ist nie nie nie uninteressant. Es ist nur vertraut.
So vertraut, wie die Heldengeschichten der Männer, die unser Land regieren, in den Vorständen der Konzerne sitzen und sich mit der Technik so richtig gut auskennen.
Ich schaue in die Welt und denke, es ist höchste Zeit, neue Geschichten zu erzählen. Weibliche Texte, die das Leben zeigen, da wo es lebendig ist. Hier bei mir und bei dir.
"Wer will das schon lesen?"
Es gibt noch ein viertes Hindernis. Es sitzt tiefer als alle anderen, weil es nicht aus uns selbst kommt, sondern weil es uns beigebracht wurde.
Die Überzeugung, dass Geschichten von Frauen in der zweiten Lebenshälfte, über das Älterwerden, über Mütter und Töchter, über das, was eine Frau trägt und erträgt und was sie weitergibt, kein ernsthaftes literarisches Sujet sind. Dass das die "Schnatterzone der Damentoilette" sei. Nichts für die große Bühne.
Die "Schnatterzone der Damentoilette" hat diese Woche die Feuilletons beschäftigt. Mich hat die Debatte nicht überrascht, es wurde höchste Zeit sich zu empören. Ildikó von Kürthy und Elke Heidenreich haben öffentlich zurückgegeben, was ihnen der Literaturkritiker Denis Scheck seit Jahren zuschleudert: dass ihre Bücher über das Älterwerden, über weibliche Erfahrung, über das, was Frauen bewegt, in der Tonne landen - beim ihm ganz plakativ. Von Kürthy hat auf die Einladung in die Schnatterzone der Damentoilette reagiert, indem sie beschrieben hat, was dort wirklich passiert: gegenseitige Unterstützung, echte Gespräche, Zusammengehörigkeit. Elke Heidenreich hat gefragt, warum Martin Walser über das Altern schreiben darf, während bei Autorinnen daraus Geschnatter wird. Diese Frauen haben recht. Und ich finde es gut, dass sie es sagen.
Meinetwegen nenne es Feminismus. Ich brauche keine Schublade. Ich schreibe das, weil ich verstehe, warum die Botschaft, "deine Geschichte zählt nicht, dein Erleben ist trivial, deine Stimme ist zu laut", bei so vielen Frauen ganz tief hängen bleibt. Dort, wo die Entscheidung fällt, ob man anfängt zu schreiben oder die Wäsche bügelt.
"Ich bin keine Schriftstellerin"
Dann ist da die Überzeugung, keine Schriftstellerin zu sein. Sie sitzt tief, weil sie sich so vernünftig anfühlt: "Und im übrigen wusste das ja schon meine Deutschlehrerin damals. Wer bin ich denn, dass ich schreibe?"
Männer sind da viel selbstbewusster. Neulich sagte eine Kollegin: "Männer schreiben ihre Biografie - Frauen machen Biografiearbeit." Nun denn, zu den Männern kommen wir später.
Manchmal mache ich Grammatikfehler. Mit Absicht! So wie dieser Satz ganz ohne Verb! Und ich finde es kein bisschen problematisch. Biografisches Schreiben ist kein literarischer Wettbewerb. Es ist ein Werkzeug der Klärung. Die Wirkung entsteht durch Wahrhaftigkeit, durch die Bereitschaft auf dein Leben zu schauen und aufzuschreiben, was du siehst und fühlst. Der erste Entwurf darf noch etwas holprig sein. Er muss es sogar. Weil er dann ehrlich ist.
Die Loyalität, die schweigt
Und dann ist da noch etwas, worüber kaum jemand spricht, das aber am tiefsten sitzt: die Loyalität unseren Familien gegenüber, die uns schweigen lässt.
Wenn wir über unsere Familie schreiben, schreiben wir über Menschen, die noch leben oder deren Andenken wir schützen wollen. Was, wenn die Mutter oder die Schwester das liest? Was, wenn ich etwas erzähle, worüber wir nie gesprochen haben?
Diese Fragen sind berechtigt. Familiäre Loyalitäten sind real. Und gleichzeitig ist Schweigen kein neutraler Akt. Auch das Nicht-Erzählen ist eine Entscheidung. Und oft kostet uns - persönlich und politisch - diese Entscheidung mehr, als die Geschichte selbst.
Deine Geschichte wartet
Deine Geschichte ist kein Geschnatter. Sie ist der Stoff, aus dem Familien bestehen. Aus dem Leben bestehen. Und sie ist der Stoff, der unsere Gesellschaft zusammenhält.
Unsere Zeit braucht weniger von den großen, oft leeren Reden und von den lauten Debatten. Wir brauchen wieder viel mehr von den Geschichten, die Frauen einander erzählen. Am Küchentisch, in den Wartezimmern, während wir unsere Kinder oder Mütter zum Arzt oder zum Friseur begleiten. Diese weiblichen Geschichten tragen Wissen weiter, das sonst verloren geht: über das, was eine Generation der nächsten mitgibt, ohne es je zwischen zwei Buchdeckel geprägt zu haben. Wir brauchen Geschichten über das, was Frauen stark gemacht hat unter Bedingungen, die Stärke nicht immer belohnt haben. Geschichten vom Gewinnen und Geschichten vom Scheitern, weil auch das zum Leben dazugehört.
Wenn diese Geschichten ungeschrieben bleiben, fehlt etwas. Nicht nur den Familien, die sie betreffen. Sondern uns allen.
Schreib sie auf.
Vielleicht beginnst du mit einem dieser Sätze:
Meine Mutter und ich — wir haben nie darüber gesprochen, dass ...
Was ich von meiner Mutter geerbt habe, ohne es zu wollen, ist ...
Seit meine Mutter nicht mehr da ist / seit ich selbst älter werde, verstehe ich, dass ...
Meine Mutter wäre stolz gewesen, wenn ...
Das Schweigen zwischen meiner Mutter und mir hatte einen Namen. Er hieß ...
Ich bin anders als meine Mutter. Und trotzdem ...
Manchmal höre ich ihre Stimme, wenn ich ...
Was ich meiner Mutter nie gesagt habe, ist ...
Und dann schau, was kommt.
Bis zum 30. April sammle ich zusammen mit Susanne Barth Geschichten zum Thema "Wenn das meine Mutter wüsste". Du brauchst keinen Blog — eine Mail reicht. Alle Infos findest du hier.
