Kurzzusammenfassung:

Selbstfürsorge scheitert oft nicht an mangelnder Disziplin, sondern an tief verankerten transgenerationalen Mustern. Dieser Artikel beleuchtet, wie patriarchale Strukturen und die jahrhundertelange Unsichtbarkeit von Frauenarbeit bis heute nachwirken und warum viele Frauen sich schuldig fühlen, wenn sie sich Zeit für sich nehmen. Du erfährst, wie emotionale Erbschaften aus deiner Herkunftsfamilie deine Fähigkeit zur Selbstfürsorge beeinflussen und wie biografisches Schreiben helfen kann, diese Muster sichtbar zu machen. Mit kostenlosem Workbook „Der rote Faden meiner Geschichte“ zum Download.

Dieser Text ist mein Beitrag zur Blogparade von Rani, die dazu aufgerufen hat, das Thema Selfcare jenseits von Wellness-Klischees zu beleuchten.

 ———–

Du hast dir vorgenommen, heute Abend endlich mal nichts zu tun. Einfach ein Buch lesen und eine Tasse Tee trinken. Aber kaum sitzt du auf deinem Lieblingpaltz, meldet sich eine innere Stimme: „Solltest du nicht noch…?“ Die Wäsche. Die E-Mails. Den Anruf bei deiner Schwester. Irgendetwas ist immer. Und du fühlst dich schuldig, weil du dir Zeit für dich nimmst.

Oder du planst einen ganzen Tag nur für dich und findest kurz vorher tausend Gründe, warum genau dieser Tag unmöglich ist. Die anderen brauchen dich doch. Es gibt so viel zu erledigen. Du findest keinen anderen Termin für xy. Also dann später, wenn alles fertig ist, dann wirst du auch einmal an dich denken.

Kommt dir das bekannt vor? Du bist nicht allein damit.

Selbstfürsorge ist mehr als ein Punkt auf der To-Do-Liste

Man liest überall von Achtsamkeit und Me-Time und wie wichtig sie sind. Nimm ein Bad. Trink einen Rotwein. Gönn dir was. Als wäre es so einfach.

Das ist es leider nicht. Du weißt das alles theoretisch. Und trotzdem ist es schwer, dir diese Zeit ohne schlechtes Gewissen und ohne das Gefühl, egoistisch zu sein, wirklich zu nehmen.

Ich sage dir mal was: Es liegt nicht an dir. Es liegt nicht daran, dass du nicht diszipliniert genug bist oder es nicht genug willst. Ein Glas Rotwein in der Badewanne wird dieses Problem nicht lösen.

Denn die Wurzeln liegen viel tiefer. Sie liegen in jahrhundertealten Strukturen, in denen Frauenarbeit unsichtbar blieb. Sichtbar war (und ist!) ja nur das, was noch nicht erledigt ist. Die geleistete Arbeit außerhalb eines „richtigen Berufes“? Die zählt nicht. Die wird nicht gesehen und auch nicht als wertvoll anerkannt.

Das Erbe patriarchaler Strukturen

Über Generationen hinweg haben Frauen gelernt: Deine Arbeit ist selbstverständlich. Deine Bedürfnisse kommen zuletzt. Dein Wert bemisst sich daran, wie gut du für andere sorgst.

Deine Urgroßmutter hat den Haushalt geschmissen, die Kinder großgezogen, vielleicht noch auf dem Feld gearbeitet. Und niemand hat das als „Arbeit“ bezeichnet. Es war einfach ihre Pflicht.

Deine Großmutter hat nach dem Krieg alles am Laufen gehalten, hat die Familie ernährt und getröstet, während die Geschichte von den „starken Männern“ erzählte, die das Land wieder aufgebaut haben.

Deine Mutter hat vielleicht beides versucht: Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen. Und stand ständig unter dem Druck, in beidem perfekt sein zu müssen. Für sie selbst? War keine Zeit.

Und jetzt du. Du trägst all diese Botschaften in dir, auch wenn du in einer anderen Zeit lebst. Diese tief verankerte Überzeugung: Weibliche Sorge-Arbeit (egal ob für Haushalt, Kinder oder die pflegebedürftige Schwiegermutter), zählt nicht wirklich. Ich bin wertvoll, wenn ich mich aufopfere. Ich bin egoistisch, wenn ich stattdessen einmal Nein sage und für mich sorge.

Die Macht des Unsichtbaren

Wenn du dich auf die Suche nach deinen Wurzeln machst, in Kirchenbüchern und alten Urkunden forschst, wird diese Unsichtbarkeit auf schmerzliche Weise konkret: Da steht der Mann mit seinem Beruf – „Schreinermeister“, „Kaufmann“, „Lehrer“. Und daneben die Frau? „Ehefrau von…“, „Tochter von…“. Kein eigener Beruf. Keine eigene Identität. Nur Anhängsel!

Als hätte sie nichts getan. Als wäre sie niemand gewesen – außer in Bezug auf einen Mann.

Dabei hat sie gelebt, hat Kinder geboren und großgezogen. Hat den Haushalt geführt, vielleicht im Geschäft mitgearbeitet oder auf dem Feld. Doch in den offiziellen Aufzeichnungen bleibt sie unsichtbar.

Die irische Autorin Doireann Ní Ghríofa beschreibt in ihrem berührenden Buch „Ein Geist in der Kehle“ eindringlich, wie sie selbst als Mutter eines Kleinkindes tagtäglich in unsichtbarer Arbeit versinkt – und gleichzeitig nach den Spuren einer längst verstorbenen Dichterin sucht. Dabei stößt sie auf die erschütternde Unsichtbarkeit von Frauenleben, die aus der Geschichte getilgt wurden, weil das Leben und Schaffen von Frauen als nicht dokumentationswürdig galt.

Das ist kein individuelles Problem. Das ist eine gesellschaftlicheHaltung, die über Generationen weitergegeben wurde. Die patriarchalen Strukturen haben sich verändert, aber ihre Spuren wirken weiter.

Und hier ist die schwierige Wahrheit: Kein Wellness-Wochenende wird das heilen. Keine Achtsamkeits-App wird diese tiefen Überzeugungen auflösen. Keine Kerze beim Schaumbad wird dir das Gefühl geben, dass du es wert bist, gut für dich zu sorgen.

Wahre Selbstfürsorge beginnt damit, diese Muster zu erkennen. Das Unsichtbare sichtbar zu machen. Zu verstehen: Dieses Hamsterrad ist das Erbe von Generationen von Frauen, die lernen mussten, sich selbst zurückzunehmen. Von Frauen, deren Existenz nur über andere definiert wurde. Deren Arbeit, so notwendig sie für die Familien und die Gesellschaft gewesen sein mag, nicht einmal einer Erwähnung wert war.

Altes Kirchenbuch

Wenn strukturelle Ungerechtigkeit zu deinem inneren Kritiker wird

Das ist das Perfide an diesen transgenerationalen Mustern: Was einmal als äußere Struktur existierte – Frauen, die nicht arbeiten durften, nicht erben durften, deren Arbeit nicht bezahlt wurde, deren Stimme nicht zählte, deren Namen manchmal nicht einmal dokumentiert wurden – ist heimlich zu deiner inneren Stimme geworden.

Vielleicht erkennst du dich in einem dieser Muster wieder:

„Ich bin nur wertvoll, wenn ich für andere da bin.“
Ich denke hier an Generationen von Frauen, deren einzige anerkannte Rolle die der Fürsorgenden war. Als Mutter, als Pflegerin, als Dienende. Und ich sehe dich – die spürt, wie schwer es ist, auch nur zu denken: „Ich zuerst.“ Weil das jahrhundertelang als Egoismus gegolten hat.

„Meine Arbeit ist selbstverständlich.“
Ich denke an die unsichtbare Care-Arbeit deiner Großmütter und Mütter. Die emotionale Arbeit, die Beziehungsarbeit, die Organisationsarbeit, die niemand sieht oder zählt. Und ich sehe dich – die alles erledigt und trotzdem das Gefühl hat, zu wenig getan zu haben. Weil das, was du tust, auch in deinen eigenen Augen nicht als „richtige Arbeit“ gilt.

„Ich darf erst ruhen, wenn alles getan ist.“
In einer Welt, in der Frauenarbeit nur dann auffällt, wenn sie nicht getan ist, gibt es kein Ende. Es ist immer etwas. Ich sehe Frauen, die nicht zur Ruhe kommen, weil die To-Do-Liste nie wirklich leer ist. Ich sehe, dass du gelernt hast: Meine Pause muss ich mir verdienen.  

„Ich habe kein Recht, mich zu beschweren.“
Deine Großmütter haben Kriege überlebt, Hunger, Verlust. Deine Mutter hat sich durchgekämpft. Wer bist du, dich über Erschöpfung zu beklagen? Ich frage dich: Kann es sein, dass du heute deine eigenen Grenzen nicht ernst nimmt, weil es „andere viel schwerer hatten“? Als wäre Leiden ein Wettbewerb?

Den roten Faden sichtbar machen

Wenn du verstehst, aus welchen Strukturen und aus welchen Generationen deine inneren Widerstände gegen Selbstfürsorge kommen, dann kannst du ihnen mit Freundlichkeit begegnen. Nicht mit Selbstvorwürfen. Nicht mit „Ich sollte doch endlich…“. Und mit „Warum kann ich nicht …“ Sondern mit: „Ich sehe den Widerstand“ und „Ich verstehe, warum du da bist.“ und vor allem mit „Heute darf ich trotzdem einen anderen Weg wählen.“

Das ist keine schnelle Lösung. Ich verspreche dir keine Heilung über Nacht. Aber ich lade dich ein zu einem Prozess des Entdeckens, des Erkennens udn der Erlaubnis. Es wird ein behutsames Sich-Annähern an deine eigene Geschichte und die Geschichte der Frauen vor dir.

Und vielleicht – ganz vielleicht – kannst du die Erste sein, die diesen Kreislauf unterbricht. Die sagt: Meine Arbeit zählt. Meine Bedürfnisse sind wichtig. Ich darf ruhen, auch wenn nicht alles getan ist. Ich bin nicht nur „Tochter von“ oder „Ehefrau von“ – ich bin ich.

Biografisches Schreiben als Schlüssel

Eines der kraftvollsten Werkzeuge, um diese Muster sichtbar zu machen, ist das biografische Schreiben. Wenn du beginnst, die Geschichten deiner Mutter und deiner Großmutter zu erkunden, wenn du dir erlaubst, deine eigenen Verwundungen anzusehen, tauchen die Zusammenhänge auf. Plötzlich verstehst du, warum du so fühlst und handelst, wie du es tust.

Du siehst die Frauen vor dir nicht mehr nur als „die, die alles geschafft haben“, sondern als Menschen, die unter Strukturen gelitten haben und ihre eigenen Bedürfnisse zurückstellen mussten. Frauen, die nie gelernt haben, dass sie es wert sind. Deren Namen manchmal nicht einmal bewahrt wurden.

Das Schreiben schafft Abstand. Es erlaubt dir, deine Geschichte mit anderen Augen zu betrachten. Mit Neugier statt Urteil. Mit Mitgefühl statt Kritik. Es ist Zeit für Freundlichkeit für dich selbst und für die Frauen, die vor dir kamen.

Und genau das ist der Beginn wahrer Selbstfürsorge: dich selbst und deine Geschichte mit liebevollen Augen zu betrachten und zu erkennen, dass du es wert bist, gesehen zu werden. Mit deinem Namen. Mit deiner Arbeit. Mit deinen Bedürfnissen.

Deine Einladung zum Entdecken

Möchtest du den roten Faden deiner eigenen Geschichte entdecken? Verstehen, welche Muster in deiner Familie wirken und warum Selbstfürsorge für dich manchmal so schwer ist?

Ich schenke dir mein Workbook „Der rote Faden deines Lebens“ – mit Reflexionsfragen und Schreibimpulsen, die dir helfen, die emotionalen Erbschaften deiner Herkunftsfamilie zu erkennen. Behutsam, in deinem eigenen Tempo, mit Raum für das, was sich zeigen möchte.

Plus: Du erhältst meinen Newsletter mit weiteren Impulsen für deine biografische Reise – Gedanken über Familienmuster, Schreibanregungen und Perspektiven, die dich auf deinem Weg begleiten.

Selbstfürsorge ist kein Luxus. Sie ist dein Recht. Und manchmal beginnt sie damit, zu verstehen, warum sie dir so schwerfällt – und welche Geschichten und welches unsichtbare Erbe dahintersteht.

Ich freue mich, wenn du dich auf den Weg machst. In deinem Tempo. Mit Freundlichkeit für dich selbst und für all die Frauen, deren Geschichten in dir weiterleben.

Mein Geschenk an dich: Der rote Faden deines Lebens. Workbook. 

Kostenfreies Workbook
Deine Anmeldung konnte nicht gespeichert werden. Bitte versuche es erneut.
Deine Anmeldung war erfolgreich.

Ich verwende Brevo als Marketing-Plattform. Indem du das Formular absendest, erklärst du dich einverstanden, dass die von dir angegebenen persönlichen Informationen an Brevo zur Bearbeitung übertragen werden gemäß den Datenschutzrichtlinien von Brevo.