Manchmal frage ich mich, was anders gewesen wäre, wenn meine Mutter gewusst hätte, was ihr kühles, abweisendes Verhalten in mir ausgelöst hat. Es ist kein Vorwurf, denn ich möchte gern glauben, dass sie die beste Mutter war, die sie sein konnte. Auch wenn ich weiß, dass das nicht dasselbe ist wie die Mutter, die ich gebraucht hätte.

Meine Mutter war eine Frau, die sich ständig schämte. Für so vieles. Für sich selbst, für das Leben, das sie hatte. Und oft auch für mich. Ich war zu laut, zu wild und ich wollte zu viel. Ich dachte, mir gehört die Welt! Dann kam dieser Satz, den ich noch heute höre: Nimm dich nicht so wichtig. Was glaubst du eigentlich, wer du bist.

1940 geboren erlebte sie ihre Kindheit im Krieg. Russische Offiziere, die eines Tages einfach in ihrer Wohnung standen und Zimmer belegten, als wäre das selbstverständlich. Die Küche geteilt mit Fremden in Uniform. Abends die fremden Stimmen hinter der dünnen Wand. Und dann das Dorf. Die Familie war neu dort. Die Nachbarinnen grüßten, aber sie luden nicht ein. Geschichten, wie sie hungrig zusah, wenn Bauernkinder ihre Wurstbrote aßen. 

Man lernt in so einem Leben, nicht aufzufallen. Man lernt, den Platz zu nehmen, den andere einem lassen. Nicht mehr. Nimm dich nicht so wichtig. Was glaubst du, wer du bist.

Dieser Satz war ihre früh erfahrene Lebensweisheit, ein Art Überlebensmechanismus, der ihr geholfen hatte durchzukommen. Ihr „Nimm dich nicht so wichtig. Was glaubst du, wer du bist“,  brachte auch in mir etwas zum Schweigen, das eigentlich hätte sprechen dürfen.

Welche Geschichte erzähle ich mir über meine Mutter?

Irgendwann als Kind habe ich angefangen, mir eine Geschichte über meine Mutter zu erzählen. Vermutlich geschieht das völlig unbewusst. Die Geschichte hat sich einfach in meinem Kopf festgesetzt, Satz für Satz, Jahr für Jahr: Meine Mutter wollte mich klein halten. Sie hat mich nicht wirklich gesehen. Sie hat sich für mich geschämt.

Diese Geschichte habe ich lange für die Wahrheit gehalten. Sie fühlte sich wahr an. Beweise dafür hatte ich genug.

Nun ja, eine Geschichte ist nicht die Wahrheit. Sie ist das, was wir aus unseren Erlebnissen und unseren Erinnerungen machen. Mit den Augen eines Kindes, das noch nicht wissen konnte, was hinter dem belastenden Verhalten meiner Mutter steckte, war ich mir sicher falsch und ungewollt zu sein. Kinder beziehen das Verhalten der Eltern immer auf sich.

Hinter diesem Muster steckt oft ein unsichtbarer Pakt, der schon in der frühesten Kindheit entsteht. Im Generation Code nennen wir das den unbewusstenTreuevertrag des Kindes. (Was das genau bedeutet und wie er wirkt, habe ich in diesem Artikel beschrieben.) Damals, als Kind, konnte ich nicht wissen, dass der Satz Nimm dich nicht so wichtig weniger mir als viel mehr dem galt, was meine Mutter über das Leben gelernt hatte. 

Wenn ich heute auf sie schaue, erzähle ich mir eine andere Geschichte. Die ist nicht schöner, aber vollständiger. Es ist eine Geschichte, in der die russischen Offiziere in der Wohnung vorkommen, in der ein kleines Mädchen gezwungen wird, mit seinem Vater um Essen betteln zu gehen („Sie war so niedlich, da haben die Bauern mehr gegeben“). Es ist eine Geschichte, in der ein Kind lernt, dass Auffallen gefährlich ist, und diese Lektion so tief verinnerlicht, dass sie sie dreißig Jahre später noch an ihre eigene Tochter weitergibt, ohne es zu merken.

In dieser Geschichte ist meine Mutter kein Täter. Aber auch keine Heilige. Sie ist ein Mensch mit einer traumatischen Kindheitserfahrung, der weitergegeben hat, was er bekommen hat.

Verstehen beginnt, wenn du dir die ganze, oder zumindest eine vollständigere Geschichte erzählst. Es geht nicht um Verzeihen oder Versöhnung. Das ist etwas anderes und kommt in seinem eigenen Tempo.

Mutter Tochter

Und ich selbst als Mutter?

Und die Geschichte geht immer weiter. Bei welchen Sätzen, frage ich mich, denkt meine Tochter heute: Wenn das meine Mutter wüsste?

Was habe ich ihr mitgegeben, ohne es zu merken? In welchem Tonfall habe ich sie gebeten, ihr Zimmer aufzuräumen? Was habe ich gesagt, als sie anfing, alles anders machen zu wollen, als zu ihre Metall-Musik zu laut war, als Sorge und Ärger sich die Waage hielten? Wir sind Empfängerinnen. Und wir sind Weitergeberinnen. Beides gleichzeitig, ob wir es wollen oder nicht.

Transgenerationale Weitergabe fragt ja nicht, ob wir bereit sind. Sie geschieht. In Sätzen, die wir nicht mehr hören, weil sie längst zu unserer eigenen Stimme geworden sind. In der Art, wie wir uns entschuldigen, bevor wir überhaupt angefangen haben zu reden. In dem Moment, in dem wir uns verbieten, was wir uns eigentlich wünschen.

Meine Mutter hat mir beigebracht, klein zu bleiben. Vielleicht hatte sie selbst keine Wahl. Dass ich eine habe, musste ich erst sehen lernen.

Was ich mir wünsche

Wenn sie wüsste, dass ich heute so offen über unsere Geschichte spreche und sogar schreibe, dass ich die Scham benenne, die durch unsere Familie zog wie ein Zugwind unter einer schlecht sitzenden Tür, ich glaube, sie wäre erschrocken.

Sie schämte sich ihr Leben lang. Für sich. Für andere. Oft auch für mich. Ich wünsche ihr, dass diese Scham mit ihr gegangen ist. Ich wünsche mir, dass sie nicht nur erschrocken wäre, sondern irgendwo tief darunter auch erleichtert, dass wir aufhören, dieses alte Paket mit uns herumzuschleppen.

Und ich wünsche meiner Tochter, dass sie eines Tages sagen kann: Sie hat ihr Bestes gegeben. Und sie hat dafür gesorgt, dass ich es leichter haben kann.

Meine Mutter war trotz ihres eigenen Traumas die beste Mutter, die sie sein konnte. Ich hoffe, ich bin die beste Mutter, die ich sein kann. Und meine Tochter ist es auch.

Deshalb diese Blogparade.

Ich habe diese Blogparade angezettelt, damit wir aufhören können, uns an unseren Müttern abzuarbeiten. Sie ist eine Einladung, ehrlich und mit detektivischer Neugier hinzuschauen. Mit unserem eigenen, offenen Blick und ohne das Urteil, das unsere Mütter über sich selbst trugen.

Und vielleicht auch, um die Geschichte, die du dir über deine Mutter erzählst, noch einmal in die Hand zu nehmen, um zu sehen, ob sie vollständig ist.

Vielleicht wartet hier eine neue Geschichte darauf, erzählt zu werden.