„Wie fange ich das Gespräch mit mit meinen Eltern bloß an?“ Diese Frage stellen mir von Teilnehmerinnen meiner Genogrammkurse oder im Coaching. Denn die eigentliche Familiengeschichte ist viel mehr Zahlen, Daten, Fakten und sie kann auch mehr sein als alte Fotos und verblasste Briefe. Im besten Falle verbindet sie uns mit unseren Wurzeln und zeigt uns, welche verborgenen Anteile wir in uns tragen.

In diesem Artikel inspiriere ich dich zu den richtigen Fragen an noch lebende Familienmitglieder für deine Personen- und Familienforschung. Egal, ob du gerade erst anfängst oder schon tief in die Ahnenforschung eintauchst – hier findest du Anregungen und praktische Tipps, wie du die Türen zu längst vergessenen Erinnerungen öffnest.

Warum macht Familienforschung Sinn?

Deine eigene Identität, dein So-Geworden-Sein, hat seine Wurzeln in den Geschichten deiner frühesten Kindheit, in deinen Erfahrungen, die du als Embryo im Bauch deiner Mutter gemacht hast und sogar in jenen Geschichten aus der Zeit, als deine Mutter noch eine Eizelle im Leib deiner Großmutter war.

Diese sogenannten epigenetischen Einstellungen können im Lauf des Lebens einer Zelle oder eines Organismus sowie über mehrere Generationen hinweg entstehen, sich wieder abmildern oder gelöscht werden, wie Studien zeigen. Was also Sozialwissenschaftler, Psychologen und feinsinnige Menschen längst spürten, wird durch die Epigenetik immer besser erklärbar.

Du benötigst also einen gut erforschten Stammbaum und dazu die Geschichten deiner Vorfahren. Doch vielleicht geht es dir so wie mir – bestimmte Ereignisse wurden bei jeder Familienfeier wieder und wieder detailreich erzählt – und über vielen anderen lag der Mantel des Schweigens.

Wenn du dich auf die Suche nach den verborgenen Familiengeschichten zu machst, brauchst du drei Dinge

  • eine Idee, wonach du überhaupt fragen könntest
  • eine gute Fragetechnik
  • eine entspannte Situation, in der sich die Erzählenden öffnen können.
Familiengeschichte erforschen - die richtigen Fragen stellen

Was sind gute Fragen zur Erforschung der Familiengeschichte?

Tagesabläufe als Fenster in die Vergangenheit

Die kleinen Rituale und Gewohnheiten, die deinen Vorfahren den Tag strukturierten, sind der erste Schlüssel zu einem tieferen Verständnis ihrer Lebenswelt.  Tätigkeiten , die den Alltag geprägt haben – vom vielleicht gemeinsamen Frühstück bis zum abendlichen Spaziergang oder dem sonntäglichen Familienritual.

Traditionen sind Ausdruck von Zusammenhalt und gelebten Werten. Vielleicht gibt es ein jährliches Fest oder ein spezielles Familienrezept, das von Generation zu Generation weitergegeben wird. Wie oft stecken da schon die ersten Geschichten dahinter!

Beginne deine Befragung am besten mit allgemeinen, unverfänglichen Fragen, wenn du den Eindruck hast, dass es deinen Verwandten schwer fällt, sich zu erinnern oder davon zu berichten. Am Ende gebe ich dir noch einige Tipps zur Gestaltung der Gesprächsatmosphäre.

Praktische Fragen 

  • Erinnerungen und Erlebnisse:
    • „Welche prägenden Momente aus Deiner Kindheit oder Jugend haben Dich besonders bewegt?“
    • „Welche Geschichten aus Deiner eigenen Vergangenheit erzählst Du immer wieder gern?“
    • „Wie sah ein typischer Tag in deiner/Ihrer Kindheit aus?“
    • „Was gab es zu essen und hattest du ein Lieblingsgericht?“
    • „Was wurde bei euch zu besonderen Anlässen gekocht?“
  • Familienwerte und Traditionen:
    • „Welche Werte und Überzeugungen haben in unserer Familie stets eine wichtige Rolle gespielt?“
    • „Welche Rituale oder Bräuche waren und sind Dir besonders wichtig – und warum?“
  • Lebenswege und Wendepunkte:
    • „Welche entscheidenden Wendepunkte oder Herausforderungen hast Du in Deinem Leben erlebt und wie bist Du damit umgegangen?“
    • „Gab es Zeiten, in denen Du das Gefühl hattest, dass die Familie zusammengehalten hat, um schwierige Momente zu meistern?“
  • Herkunft und Identität:
    • „Was weißt Du über die Herkunft unserer Familie? Woher kommen unsere Vorfahren und welche Geschichten werden dazu erzählt?“
    • „Wie haben sich bestimmte Eigenschaften oder Charakterzüge in unserer Familie von Generation zu Generation entwickelt?“
  • Unausgesprochene Themen und Geheimnisse:
    • „Gibt es Themen oder Erinnerungen, über die man in der Familie nie wirklich gesprochen hat? Was könnte dahinterstecken?“
    • „Welche ungelösten Fragen oder Geheimnisse bewegen Dich, wenn Du an die Vergangenheit denkst?“
  • Persönliche Reflexion:
    • „Welche Geschichten aus der Familiengeschichte helfen Dir, Deine eigene Identität besser zu verstehen?“
    • „Wie beeinflussen die Erzählungen und Erfahrungen der Vorfahren Deinen heutigen Lebensweg?“

Der Einfluss der Zeitgeschichte auf deine Familie

Historische Ereignisse und regionale Begebenheiten prägen zu allen Zeiten das kleine Familienleben. Gesellschaftliche, wirtschaftliche, technische und kulturelle Entwicklungen spiegeln sich in Lebensweisen, Werten, Traditionen, Berufen und Besitz wieder. Allein die heute simple erscheinende Erfindung der Glühlampe und die flächendeckende Elektrifizierung (die in Deutschland noch nicht einmal 100 Jahre alt ist) hat die Lebensweise der Menschen gravierend verändert! Aber auch Naturkatastrophen, Kriege, wirtschaftliche Krisen oder politische Umbrüche hinterlassen Spuren, die noch heute für die Generationen der Enkel und Urenkel spürbar sind.

Eine interessante Frage, die von den Älteren leicht zu beantworten ist, ist die nach den Trends und Entwicklungen, die die Familie nachhaltig beeinflusst haben. Damit bekommst du spannende Einblicke in das Überwinden von Herausforderungen und den Aufbau eines neuen Lebens.

  • „Was war das Besondere am Wohnort deiner Kindheit?“
  • „Wie hat sich die Welt verändert, als du jung warst? Welche Erfindungen und Neuerungen haben dich beeindruckt?“
  • „Gab es Ereignisse, die einen besonderen Einfluss auf unser Familienleben hatten?“

Geschichten vom Krieg

Wer heute älter als 80 Jahre ist, hat auch aus der Kriegs- und Nachkriegszeit Geschichten zu erzählen. Wenn das ein Familienmitglied betrifft, dann darfst du auch nach diesen Erlebnissen fragen. Sei dabei aufmerksam und respektiere, wenn die Person, nicht weiter erzählen will oder kann. Heute weiß man, dass etwa 70 – 80 Prozent der damaligen Kriegskinder mehr oder weniger stark traumatisiert wurden. Wenn diese Menschen versuchen, furchtbare Erlebnisse zu erinnern, besteht die Gefahr einer Retraumatisierung, die beispielsweise in eine Depression oder Demenz münden kann!

Sei nicht enttäuscht, wenn das Gespräch nicht die gewünschten Informationen bringt. Ich habe es bei meiner Mutter so erlebt, dass sie später Geschichten für uns aufgeschrieben hat, die sie nicht erzählen konnte.

Erlebnisse des Kriegsbeginns:

„Wie hast Du den Moment erlebt, als der Krieg ausbrach? Gab es Veränderungen im Alltag oder in der Nachbarschaft, die Dir als erstes aufgefallen sind?“

Der Entschluss zur Flucht

„Erinnerst Du Dich an den Augenblick, als klar wurde, dass ein Verbleib in der Heimat nicht mehr sicher war? Wie hast Du diesen Wendepunkt empfunden?“

Erfahrungen während der Flucht

„Wie hast Du die Zeit auf der Flucht erlebt? Welche kleinen Gesten der Hilfe oder Solidarität haben Dir in dieser schweren Zeit Kraft gegeben?“

Neue Heimat und Neuanfang

„Wie war es, nach der Vertreibung in eine neue Heimat zu kommen? Gab es besondere Rituale, Erlebnisse oder Erinnerungsstücke, die Dir halfen, die schwere Zeit zu verarbeiten und Deinen Weg neu zu gestalten?“

Aus der Sicht von heute

„Welche Spuren haben diese Erfahrungen in Deinem Leben hinterlassen? Gibt es Werte oder Einstellungen, die sich dadurch nachhaltig verändert haben?“

„Wie werden die Erlebnisse aus dieser Zeit in unserer Familie erzählt – was möchtest Du an die nächste Generation weitergeben?“

Zirkuläre und systematische Fragen in der Familienforschung

Das Geheimnis der zirkulären Fragen

Zirkuläre Fragen sind wie kleine Schlüssel, die versteckte Türen in der Familiengeschichte öffnen. Sie helfen dir, nicht nur lineare Abläufe zu verstehen, sondern auch die vielschichtigen Beziehungen und Veränderungen im Familiengefüge zu entdecken. Mit diesen Fragen regst du deine Gesprächspartner an, ihre Erinnerungen aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten – und oft entstehen so ganz neue, unerwartete Perspektiven.

„Was glaubst du, hätte dein Großvater darüber gedacht, wie seine Kinder ihre eigenen Kinder erzogen haben?“ Da muss der oder die Befragte erst mal ganz schön „um die Ecke denken“. Und genau das ist der Sinn dieser Methode. Diese Frage beispielsweise beleuchtet Erziehungsmethoden über drei Generationen. Besonders gut eignen sich solche Fragen dazu, etwas über die Urgroßeltern herauszufinden, die du vielleicht gar nicht mehr kennengelernt hast.

Finde im Gespräch eine elegante Überleitung: „Du hast gerade von deiner Großmutter erzählt. Was denkst du, würden deine Cousinen als ihre wichtigste Eigenschaft nennen?“

Hier sind fünf weitere Beispiele, die du als Inspiration nutzen kannst:

„Wenn ich deinen Vater fragen würde, wie er die Beziehung zu seinem Vater erlebt hat – was würde er antworten?“

„Was würde Onkel Hans über seine Eltern sagen?“

„Welche Erinnerungen an die alte Heimat würde deine Mutter als ihre wichtigsten nennen?

„Wie hätte Tante Martha die damalige Situation in der Familie beschrieben?“

„Wenn ich deine alten Nachbarn von damals fragen könnte, wie sie eure Familie erlebt haben – was würden sie erzählen?“

Praktische Tipps für das Gespräch

Die Gesprächssituationen ist das A und O für Offenheit und Vertrauen. Suche dir eine ruhige, gemütliche Umgebung, in der sich alle wohlfühlen – vielleicht bei einem gemeinsamen Abendessen oder bei einer Tasse Tee. Eine entspannte Atmosphäre macht es leichter,  in Erinnerungen zu schwelgen.

Fotos und Postkarten von früher sind gute Erinnerungshelfer. Auch im Internet findest du alte Ansichten über die Suchmaschinen oder die regionalen Historikergruppen bei Facebook.

Manchmal wecken Erinnerungen auch schmerzliche Gefühle. Es ist völlig in Ordnung, wenn nicht jedes Thema sofort beleuchtet werden soll. Zeige Verständnis und gib Raum, wenn jemand lieber eine Pause braucht.

Für deine Arbeit mit dem Genogramm willst du diese wertvollen Geschichten festhalten – sei es in Form von Notizen oder von Audioaufnahmen. Dafür solltest du dir das Einverständnis holen. Sprich offen darüber, was du vorhast und welchen Wert diese Aufzeichnungen für eure gesamte Familie haben, weil damit diese Erinnerungen lebendig bleiben und auch an künftige Generationen weitergegeben werden können. Besprich auch, was du nicht mit den Informationen tun wirst, zum Beispiel Veröffentlichungen auf Social Media oder im Gemeindeblatt.

Jeder erinnert sich anders. Wenn die Erzählungen mal auseinandergehen, hilft es, verschiedene Perspektiven anzuhören und zu akzeptieren, dass Erinnerungen oft subjektiv sind. So entsteht ein buntes, vielschichtiges Bild der Familiengeschichte.

Der Blick in die eigene Familiengeschichte ist wie eine Reise zu den Wurzeln deiner Identität. Es lohnt sich, den Mut zu haben und die richtigen Fragen zu stellen – denn hinter jeder Anekdote steckt ein Stück gelebtes Leben, das dich bereichern kann. Lass dich inspirieren von den Geschichten deiner Vorfahren und finde heraus, wie sie dir den Weg in eine tiefere Selbsterkenntnis ebnen.

Worauf wartest du noch?

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